Lieber Aby Warburg, was tun mit Bildern? Vom Umgang mit fotografischem Material

Was heißt es Dinge zusammenzusetzen, Teile zusammenzulegen und Verschiedenes in Einklang des Ganzen zu bringen? Was ist das Ganze? Ist es eine Art Archiv, das den Versuch unternimmt, die zusammengesetzten Dinge oder die zusammengelegten Teile in einen oder mehrere Ordner zu packen?

Die Ausstellung Lieber Aby Warburg, was tun mit Bildern? in Siegen setzt sich nicht nur mit fotografischem Material auseinander, sondern konkretisiert das Experimentelle, das auch Aby Warburg (1866-1929) in seinem Umgang mit Bildern pflegte.

Abraham Moritz Warburg war ein bekannter deutscher Kunsthistoriker und Begründer der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg, der sein jahrelanges Projekt, Mnemosyne-Atlas nicht vollenden konnte und damit auch einen weiten Raum für die Frage: „Was tun mit Bildern?“ offen gelassen hat.

Es geht um Erinnerung und Gedächtnis, Möglichkeiten und Gesten, Bewegung und Wiederholung, Kontext und Widersprüchlichkeit.

Was heißt es zu ordnen, um sich zu erinnern? Welche Erinnerungen sind wichtiger oder ist die Wichtigkeit gar nicht mehr zu ermitteln?

Tobias Buche setzt die Begriffe wie „Wichtigkeit“, „Korrektheit“ und andere in einem Dreieck in seinem Werk Untitled von 2007. Es sind Paneele, die unterschiedliche, gedruckte, kopierte Bilder oder Fotos, die in einer scheinbaren Unordnung zusammengefügt sind, präsentieren. Die scheinbare Reihenfolge und die Tendenz zur Lücke bei der Komposition Buches und auch die sichtbaren Spuren der künstlerischen Bearbeitung sind Zeichen eines fortlaufenden Prozesses des Austauschens von Bildern, ihrer Fragilität und Zeitlichkeit.

Der Prozess der Vergänglichkeit ist auch in der Wandinstallation von Cécile Hummel Zurück-Blicken von 2012 präsent. Die Abzüge von in Süditalien gekauften Glasnegativen aus den 1930er und 1940er Jahren scannt Cécile Hummel ein und druckt sie in einem Offset-Verfahren aus, semi-transparente Schichtungen und samtig-matte Färbungen entstehen im anlogen Druckverfahren, dabei setzt sie verschiedene Farbakzente ein. Hummel entscheidet über die Zusammensetzung der Einzelbilder dieser Serie von Portraits immer wieder neu und ergänzt sie durch neue Bilder. Es ist ein Prozess des Erblickens und des Erblickt-Werdens. Die Portraitierten treten mehrmals durch bestimmte Wiederholung in Szene und haben eine Geschichte zu erzählen, die uns aber verborgen bleibt.

Einen etwas anderen Zusammenhang zwischen Bild und Text stellt Ulrike Kuschel in ihren Bildbeschreibungen II von 2006 dar. Bilder erzählen nämlich eine andere Geschichte wie Texte, die diese Bilder beschreiben sollen. Wir erwarten durch den Titel eine leichtere Auseinandersetzung mit Bildern, dabei irritiert uns beim genaueren Betrachten dieser Bilder die Tatsache, dass die danebengedruckten Texte andere Fakten wiedergeben. Es entsteht die Frage nach den wahren Zusammenhängen und der subjektiven Auseinandersetzung einerseits mit Bild und andererseits mit Text.

Was ist Objektivität? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Paula Roush in ihrem Projekt Found Photo Foundation 2007-2012* und schafft eine Bewegung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es ist ein Bildarchiv, das gefundene Fotos sortiert und offen zur Schau stellt, es ermöglicht alternative Sichtweise auf das Erfahrene, was in der Realität vielleicht nicht mehr aufzufinden ist.

Die Fehlstellen/Voids verarbeitet Simon Wachsmuth im Zyklus von 12 Leinwänden zwischen 2008 und 2010. Wachsmuth interessieren die aufgefüllten Fehlstellen in den Malereien, die über Jahrhunderte die Pierro della Francescas Fresken in der Chorkapelle von San Franzisco in Arezzo (Darstellung der Geschichte des Heiligen Kreuzes, entstanden zwischen 1452 und 1466) veränderten. Wachsmuth arbeitet mit Negativen und Positiven und fügt schwarz-weiße Fotos und Zeitungsartikeln, die unterschiedliche Geschehnisse festhalten, rein. Schwarze Farbe umgrenzt die Bilder, die erneut die Gegenwart mit der Vergangenheit konfrontieren.

Eine Umgrenzung bildet der Rahmen im Werk Koenraad Dedobbeleers With the Patient Lack of Interest von 2009. Die Skulptur umfasst zwei Fotografien eines gefalteten Stücks Papiers, das man durch die Bewegung des Rahmens innerhalb der Holzkonstruktion von beiden Seiten betrachten kann. Es ist diese Bewegung und die Falten des Papiers, die einen Eindruck von einem dreidimensionalen Körper erwecken, einem Körper, der sich in unserer Vorstellung verändern kann.

Das Zusammenlegen, Drehen, Vertauschen, Wiederzusammenführen, Verändern und Erinnern sind alles Dinge, die wir in unserem alltäglichen Leben tun. Wir legen Dinge zusammen; wir drehen uns, indem wir uns bewegen; wir vertauschen unsere Gedanken und führen sie wieder zusammen; wir verändern uns mit der Zeit und erinnern uns an das Erlebte. Wir sind Körper, die manchmal nach ihrem Tun definiert werden und wir vergessen.

Aber was tun mit Bildern?

Teilnehmende Künstler: Özlem Altin, Tobias Buche, Mariana Castillo Deball, Marianna Christofides, Koenraad Dedobbeleer, Katalin Deér, Thea Djordjadze, Hervé Garcia, Cécile Hummel, Franziska Kabisch, Ulrike Kuschel, Alexandra Leykauf, Katrin Mayer, Elke Marhöfer, Lia Perjovschi, Manfred Pernice, Abigail Reynolds, Paula Roush, Ines Schaber & Stefan Pente, Eske Schlüters, Batia Suter, Simon Wachsmuth, Haegue Yang

Museum für Gegenwartskunst, Siegen

Teilnehmende Künstler: Özlem Altin, Tobias Buche, Mariana Castillo Deball, Marianna Christofides, Koenraad Dedobbeleer, Katalin Deér, Thea Djordjadze, Hervé Garcia, Cécile Hummel, Franziska Kabisch, Ulrike Kuschel, Alexandra Leykauf, Elke Marhöfer, Katrin Mayer, Lia Perjovschi, Manfred Pernice, Abigail Reynolds, Paula Roush, Ines Schaber und Stefan Pente, Eske Schlüters, Batia Suter, Simon Wachsmuth und Haegue Yang

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Zwischenspiel mit Kathrin Rabenort

Das Besondere am Turm der Lutherkirche in der Kölner Südstadt ist die Atmosphäre. Jedes Mal, wenn ich durch die Räume gehe, habe ich ein entspanntes Gefühl, das auch anhält.

Kathrin Rabenort schafft es jeden Raum des Turmes mit Ihrer eigenen Note zu umgrenzen und mit bestimmten Farben zu füllen. Ihre Themen sind genau gewählt und stringent mit einem Hauptthema in Verbindung gesetzt. Es sind keine neuen Werke, aber sie ziehen in verschiedenen Räumen einen neuen Glanz an.

Es sind Spieler und Puppen; Schauspiel und Spiel; Menschen und Kleider – sie sind es, die in den Werken Rabenorts präsent und abwesend zugleich erscheinen.

Es sind Uniformen, die immer wieder in fast jedem Raum eine Rolle spielen. Warum heißt dann die Ausstellung „Zwischenspiel“? Vielleicht weil wir uns immer in einer Art „Zwischenspiel“ befinden. Wir beenden ein Spiel und es beginnt ein neues.

Spieler wie Footballspieler, wie in „Vikings, falcons, unicorns“, deren Gesichter hinter ihren Helmen nicht zu sehen sind und dessen Ausrüstung ihnen das Gefühl der Sicherheit geben soll, sind auch ein Bestandteil der Ausstellung (Raum 1).

Wir sind alle in der einen oder anderen Weise Spieler, warum? Weil wir mit den Gefühlen der anderen spielen, auch wenn wir es nicht immer zugeben. Wir spielen aber auch mit uns selbst, indem wir uns hinter den gesellschaftlichen Normen verstecken. Oft erlauben wir uns nicht, was wir wirklich wollen und lassen unseren Emotionen keinen freien Lauf.

Uniform ist auch eine Norm, eine Norm, die wir oft als nachteilig empfinden. Hat eine Uniform wirklich nur Nachteile? Ist es nicht so, dass durch die gleiche Uniform eine Art Zusammengehörigkeit entstehen kann? Oder ist es ein Zwang? Wir können uns vielleicht auch an unsere Kindheit erinnern, wenn wir offen zugeben würden, dass vielleicht eine Uniform auch eine Art Freiheit bedeutet, weil man sich nicht jeden Morgen zuerst damit beschäftigt, was man anziehen soll.

Im dritten Raum sehen wir einen roten Vorhang, hinter dem sich zwei kleine Puppen fast verstecken, neben einer Kinderzeichnung aus Zucker und Pigment („Krokodil“), die uns einladend anlächelt. Was haben Puppen und Spieler gemeinsam? Sie werden in eine bestimmte Ordnung gebracht, entweder auf dem Feld oder im Kasperle – Theater.

Eine Uniform besteht aus Teilen, die zusammengesetzt werden, eine sichtbare Ordnung in einer Art Unordnung entsteht dadurch im letzten Raum der Ausstellung. An einer Wand akkurat, an der anderen chaotisch und vernachlässigt.

Insgesamt lässt sich sagen, wir leben in einem Chaos, in welchem wir alles versuchen um eine bestimmte Ordnung zu schaffen. Wir brauchen Sicherheit, Menschen, Wärme und Spiel.

Die Fetzen und Nähte, einerseits Schnipsel, andererseits Anschlüsse und Kombinationen sind als Kontraste im gesellschaftlichen Leben zu sehen. Kleider, die gigantisch und unbrauchbar erscheinen, weil sie nicht für uns gedacht sind, sind Zeichen der Abhängigkeit, die uns begleitet. Die Abhängigkeit, die wir aber auch in gewissem Maße brauchen, sonst verlieren wir im größten Spiel, das sich Leben nennt.

Belleruche im Blue Shell

Gestern waren wir in einem Konzert von der Band Belleruche im Blue Shell. Der Tag war anstrengend, aber die Akustik im Raum war viel, viel anstrengender. Manchmal ist halt auch der Unterscheid zwischen Live und YouTube gewaltig. In diesem Fall ist es echt schwierig gewesen zu sagen, warum sich das Ganze nicht so gut angefühlt hat. Die Band besteht aus drei Mitgleidern, zwei Musiker und eine Sängerin, bei der man kaum Wörter auseinander halten kann. Die Musik war ok, aber leider war sie nach meinem Empfinden lauter wie die Sängerin und das sollte doch eigentlich nicht sein. Die Sängerin ist charmant, aber nicht unbedingt für die kleine Bühne. Mir kam die ganze Band wie in einem abgeschlossenen Kasten vor. Die Bar Blue Shell ist klein mit einer kleinen Bühne, einer kleinen Theke und kleinen Tischen und normalerweise würde sie mir wahrscheinlich als gemütlich vorkommen, aber nicht gestern. Sie war nicht voll und man konnte ohne gesehen zu werden unauffällig gehen. Und das war schade, man kommt schließlich nicht für ein paar Lieder, es waren ein paar nette Lieder dabei und die Musik ist auch anregend, aber es war alles nicht mein Fall.

Ulf K. Der Künstler mit Herz

Die Ludwiggalerie in Oberhausen zeigt die erste Einzelausstellung des Künstlers Ulf K., den Poeten unter den Comic-Zeichnern. Ulf K. (2004 als bester deutschsprachiger Comic-Zeichner ausgezeichnet) hat selbst bei der enormen Auswahl seiner Werke mitgewirkt. Ulf K. wählt exakte geometrische Formen für seine wunderbaren Figuren, die mit einem der beiden Ausstellungräume ein besonderes Zusammenspiel ergeben. Es sind die ungewöhnlichen Formen der Wände des Raumes, die rund wie auch eckig die Zeichnungen Ulf K.s umrahmen. Ulf K. arbeitet genau und nutzt die Farbe wie die Tusche zur Betonung der unterschiedlichsten Stimmungen der Akteure, die in ihrer Welt voller Überraschungen, aber auch Ängste leben.

Im „Besuch von Freunden“ (2012) stellt Ulf K. sich selbst als „den kleinen Clown“ (2002), „Akkuratus“ oder „Philosophisch“(2008) usw. Er lächelt und dieses Lächeln findet sich in jedem Werk dieses gutherzigen Menschen. Er bildet seine Welt ab, die seine Kindheitserlebnisse („Seemonster“ von 2002), selbst als Vater („Nester“ von 2004) oder als „Mondgucker“ (1995) wiederspiegelt.

Dieses Lächeln begleitet uns in die Atmosphäre der Ludwigsgalerie, diese lässt es einem warm ums Herz werden. Ulf K. ist 1969 in Oberhausen geboren und die Stadt erkennt man in seinen Werken immer wieder, die Häuser, die Natur und die Menschen.

„Das Leben des Träumers. Wunsch“ von 2001 trägt auch autobiographische Züge, da der Träumer in seine Stadt zurückkommt. Auch Ulf K. kehrte in seine Stadt nach eines Paris-Aufenthaltes zurück. „Der kleine Clown“ sitzt auf einem Mond und blickt auf die Stadt, es ist zwar seine Stadt, aber nimmt sie ihn wieder auf?

Die Figuren Ulf K.s sind von der Kontur aus definiert, aber sie stellen Fragen. Manchmal kann man ihre Unsicherheit und Angst fast spüren, aber auch ihre Freude und Wärme.

Die Ausstellung hat mir einen weiteren Blick auf die Comic-Zeichnung ermöglicht. Ulf K. ist der Poet unter den Comic-Zeichnern, aber warum?

Weil er die offene, warme Welt zur Schau stellt, die ihn vervollständigt. Er scheint ein Künstler zu sein, der sich in vollkommener Harmonie mit seiner Umgebung, seinen Mitmenschen und seinen Figuren befindet. Die Figuren, die aus definierten geometrischen Formen entstehen, leben auf den Blättern und erörtern ihre Wünsche, die manchmal unerfüllt bleiben. Es ist das Herz des Künstlers, das in jeder Figur, in jeder Geschichte „auf der Oberfläche der Erde“ erscheint. Der Mond, die Umgebung, die Erde, was ist das Entscheidende? Vielleicht die Sicherheit, die immer wieder hinterfragt wird.

Wir sind auf der Suche nach unserem Glück und fühlen oft die Leere, weil uns trotz der glücklichen Momente etwas oder jemand fehlt. Diese Suche treibt uns voran, lässt uns aber auch nicht in Ruhe.

Diese Suche nach sich selbst, die nicht nur die fröhlichen Gedanken über die Familie oder Freunde beinhaltet, stellt auch die Frage nach dem Tod. Die Ausstellung ist thematisch gegliedert und auch das Thema Tod nimmt an einer Wand Platz ein.

Es ist das Ernste und das Lustige, das Ironische und das Traurige, das Ulf K. auch mit Art Spiegelman verbindet. Sie sind beide Comic-Zeichner, arbeiten sehr genau und lieben Details, aber man sollte sie vielleicht nicht mit einander vergleichen.

Andreas Platthaus bittet Ulf K. die Ausstellungskritik zu der Ausstellung im Museum Ludwig „Art Spiegelman: CO-MIX“ zu zeichnen. Es entsteht eine kurze Geschichte, die auch den Künstler Ulf K. von seiner ironischen Seite wiedergibt.

Ulf K. ist vielleicht ein Träumer, der aber seine Traumwelt realisiert und verbildlicht. Es ist die besonders einladende Art dieser Zeichnungen, aus welchen das Leben sprüht, die uns in eine andere Traumwelt entführen.

Fotos von Micaella Cervinscaia