Ulf K. Der Künstler mit Herz

Die Ludwiggalerie in Oberhausen zeigt die erste Einzelausstellung des Künstlers Ulf K., den Poeten unter den Comic-Zeichnern. Ulf K. (2004 als bester deutschsprachiger Comic-Zeichner ausgezeichnet) hat selbst bei der enormen Auswahl seiner Werke mitgewirkt. Ulf K. wählt exakte geometrische Formen für seine wunderbaren Figuren, die mit einem der beiden Ausstellungräume ein besonderes Zusammenspiel ergeben. Es sind die ungewöhnlichen Formen der Wände des Raumes, die rund wie auch eckig die Zeichnungen Ulf K.s umrahmen. Ulf K. arbeitet genau und nutzt die Farbe wie die Tusche zur Betonung der unterschiedlichsten Stimmungen der Akteure, die in ihrer Welt voller Überraschungen, aber auch Ängste leben.

Im „Besuch von Freunden“ (2012) stellt Ulf K. sich selbst als „den kleinen Clown“ (2002), „Akkuratus“ oder „Philosophisch“(2008) usw. Er lächelt und dieses Lächeln findet sich in jedem Werk dieses gutherzigen Menschen. Er bildet seine Welt ab, die seine Kindheitserlebnisse („Seemonster“ von 2002), selbst als Vater („Nester“ von 2004) oder als „Mondgucker“ (1995) wiederspiegelt.

Dieses Lächeln begleitet uns in die Atmosphäre der Ludwigsgalerie, diese lässt es einem warm ums Herz werden. Ulf K. ist 1969 in Oberhausen geboren und die Stadt erkennt man in seinen Werken immer wieder, die Häuser, die Natur und die Menschen.

„Das Leben des Träumers. Wunsch“ von 2001 trägt auch autobiographische Züge, da der Träumer in seine Stadt zurückkommt. Auch Ulf K. kehrte in seine Stadt nach eines Paris-Aufenthaltes zurück. „Der kleine Clown“ sitzt auf einem Mond und blickt auf die Stadt, es ist zwar seine Stadt, aber nimmt sie ihn wieder auf?

Die Figuren Ulf K.s sind von der Kontur aus definiert, aber sie stellen Fragen. Manchmal kann man ihre Unsicherheit und Angst fast spüren, aber auch ihre Freude und Wärme.

Die Ausstellung hat mir einen weiteren Blick auf die Comic-Zeichnung ermöglicht. Ulf K. ist der Poet unter den Comic-Zeichnern, aber warum?

Weil er die offene, warme Welt zur Schau stellt, die ihn vervollständigt. Er scheint ein Künstler zu sein, der sich in vollkommener Harmonie mit seiner Umgebung, seinen Mitmenschen und seinen Figuren befindet. Die Figuren, die aus definierten geometrischen Formen entstehen, leben auf den Blättern und erörtern ihre Wünsche, die manchmal unerfüllt bleiben. Es ist das Herz des Künstlers, das in jeder Figur, in jeder Geschichte „auf der Oberfläche der Erde“ erscheint. Der Mond, die Umgebung, die Erde, was ist das Entscheidende? Vielleicht die Sicherheit, die immer wieder hinterfragt wird.

Wir sind auf der Suche nach unserem Glück und fühlen oft die Leere, weil uns trotz der glücklichen Momente etwas oder jemand fehlt. Diese Suche treibt uns voran, lässt uns aber auch nicht in Ruhe.

Diese Suche nach sich selbst, die nicht nur die fröhlichen Gedanken über die Familie oder Freunde beinhaltet, stellt auch die Frage nach dem Tod. Die Ausstellung ist thematisch gegliedert und auch das Thema Tod nimmt an einer Wand Platz ein.

Es ist das Ernste und das Lustige, das Ironische und das Traurige, das Ulf K. auch mit Art Spiegelman verbindet. Sie sind beide Comic-Zeichner, arbeiten sehr genau und lieben Details, aber man sollte sie vielleicht nicht mit einander vergleichen.

Andreas Platthaus bittet Ulf K. die Ausstellungskritik zu der Ausstellung im Museum Ludwig „Art Spiegelman: CO-MIX“ zu zeichnen. Es entsteht eine kurze Geschichte, die auch den Künstler Ulf K. von seiner ironischen Seite wiedergibt.

Ulf K. ist vielleicht ein Träumer, der aber seine Traumwelt realisiert und verbildlicht. Es ist die besonders einladende Art dieser Zeichnungen, aus welchen das Leben sprüht, die uns in eine andere Traumwelt entführen.

Fotos von Micaella Cervinscaia

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„horizontal“ – die Kunst der Linie

Was verbindet den deutschen Zeichner Malte Spohr mit der holländischen Malerin José Heerkens und der israelischen Videokünstlerin Hilla Ben Ari?

Sie stellen in GKG – Gesellschaft für Kunst und Gestaltung in Bonn aus. Die Ausstellung „horizontal“ stellt eine Verknüpfung zwischen unterschiedlichen Künstlern wie Christiane Baumgartner, Nicholas Bodde, Nina Brauhauser, Max Cole, Günter Walter, Wolfgang Nestler, Christiane Schlosser, Christoph Gesing, Björn Drenkwitz, Hilla Ben Ari, Malte Spohr und José Heerkens dar. Aber es geht nicht um kulturelle Unterschiede, oder politische Auseinandersetzungen und auch nicht nur um die abstrakte Kunst. Es geht um die Linie, die bei jedem Kunstwerk in dieser Ausstellung auf verschiedener Weise auftritt und den Rahmen füllt.

Es sind Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Videos, die alle nun eine Gemeinsamkeit haben, sie zeigen die Linien, die horizontalen Linien.

Malte Spohrs MKL-Arbeiten auf Bütte eröffnen in einem von zwei Räumen der Ausstellung „horizontal“ das breite Spektrum an scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten der Linie. Wir neigen dazu in Wolken, wenn wir sie lange genug ansehen Gesichter zu erkennen, so ist es bei den Zeichnungen Spohrs nicht. Man könnte die Wolken, oder Leopardenmuster oder vielleicht sogar Tarnflecke in seinen Linien erkennen, aber es kann auch einfach nur der abstrahierte Blick auf eine Landschaft sein. Irgendwie erscheinen mir seine Werke romantisch, sie sind für mich verführerisch und rätselhaft, weil man sich fragt, wo denn diese Landschaften sind. Es sind nun Linien, die im Zusammenspiel organische Formen ergeben.

Die „Echos“ von Björn Drenkwitz „Wir sind das Volk“ und „Blood, Toil, Tears and Sweat“ spiegeln den Gedanken wieder. Wir als Volk wollen bemerkt und gehört werden. Wir verlieren uns leicht in einer Landschaft, wenn wir keine Anhaltspunkte fest halten.

Nicholas Bodde konkretisiert die Linie, indem er die Linien klar voneinander trennt. Nina Brauhauser vermischt sie. Die Bewegung der Farbe Boddes findet man in dem Video „Speed“ von Christiane Baumgartner wieder.

José Heerkens überträgt horizontale Linie nicht nur auf die Wand, sondern auch auf den Boden. Hier stellt sich direkt die Frage nach der Zerlegung der Einzeleile, die Gemälde an der Wand und auf dem Boden kennzeichnen die Bedeutung des Raumes für die Künstlerin. Die bunten Farben mit den Erdfarben spielen auch das Konzept einer Stadt auf.

Unsere Wahrnehmung hängt nicht nur mit unserem körperlichen Gleichgewicht zusammen, sondern wir sind auch immer auf der Suche nach der inneren Zufriedenheit und der „goldenen“ Mitte. Die horizontale Linie bezeichnet auch den Weg, den jeder für sich selbst irgendwann wählt. Wie treffen ständig Entscheidungen, weswegen sich unser Leben in einer ständigen Veränderung befindet. Die horizontale Linie steht nicht nur für die Klarheit, sondern auch für das Ganze, das Ganze, das wir selbst aus verschiedenen Teilen zusammenstellen.

Für jeden der Künstler dieser Ausstellung scheint die horizontale Linie von Bedeutung zu sein. Aber die Frage nach Warum und Weshalb kann sich jeder für sich beim Besuch dieser vielseitigen Ausstellung beantworten.

 

William Kentridge

Das erste Mal habe ich die Arbeit des Künstlers William Kentridge im Museum Ludwig in Köln gesehen. Das Video aus Tausenden von Zeichnungen wurde von einer gefühlvollen Musik begleitet. Das Zusammenspiel des Klanges mit den zahlreichen Zeichnungen, die die Traurigkeit in sich tragen und mit sich ziehen, hat mich für lange Zeit in seine Bann gezogen. Der kleine Raum mit einer Sitzbank betonte die außergewöhnliche Tiefe des Künstlers, der den Zuschauer mit schwierigen Themen konfrontiert.

Die Themen der Trauer, der Einsamkeit, des Alleinseins und des Verlustes von Menschen, die man liebt und braucht. William Kentridges Zeichnungen zeigen oft den Künstler selbst, aber auch die Personen, die für ihn von Bedeutung sind. Es ist aber nicht wichtig zu wissen, dass der Künstler sich oft selbst portraitiert, weil er in jeder seiner Zeichnungen auch auf der Suche nach sich selbst zu sein scheint. Er spielt mit der Wahrnehmung des Zuschauers, aber gibt mit jeder Zeichnung einen Teil von seiner Welt.

William Kentridge (geboren 1955 in Johannesburg) ist für mich ein Künstler, weil er mit der Kunst nicht abschließen kann. Er versucht sich in verschiedenen Medien, und verbindet sie, indem er ein Video aus mehreren Zeichnungen zusammenstellt oder ein Theaterstück dokumentiert und einen Film mit einigen Zeichnungen in Kontrast stellt. Er ist offen für das Neue und hat keine Angst vor Konfrontation. William Kentridge zeichnet, photographiert seine Zeichnungen, verändert sie und photographiert sie wieder, daraus entstehen animierte Filme, die den Künstler in allen seinen Fassetten zeigen. Es sind Filme, die voller Leichtigkeit sind, trotz der Themen und langen Entstehungszeit. Es sind Filme, die bewegen und zum Nachdenken bringen.

Die Animation „Felix in Exile“  (1994) zeichnet eine traurige Geschichte, seine Zeichnungen scheinen lebendig zu sein und man empfindet die Trauer des Protagonisten. Es ist nicht einfach alleine zu sein, aber jeder ist eigentlich mindestens teilweise alleine mit sich selbst konfrontiert. Wir sind auf der Suche nach Liebe, Anerkennung und Wärme. Aber sollten wir uns nicht öfter fragen, ob wir selber imstande sind Liebe und Wärme zu geben?

Das zweite Mal habe ich das Werk Kentridges „The Refusal of Time“ (2012) während der Documenta 13 gesehen. Ich wusste, dass William Kentridge bei der Documenta vertreten ist und ich bin in den Raum rein, in welchem er ausstellt, und wieder raus. Es war mir für einen Moment fremd, in dem Moment wusste ich auch nicht, dass dies sein Werk ist. Abends sind wir zurück und haben uns den Film angesehen. Ich bin in tiefe Gedanken versunken. William Kentridge steigt über die Stühle und sagt die Sekunden an in seinem 24-minutigen Video. Es sind Frauen und Männer, die ein Land zu Fuß verlassen, schwere Säcke tragend und die Geschichte einer Frau, ihres Mannes und Liebhabers. Es ist aber auch die Musik, die das Werk Kentridges vollendet. Die laute Musik am Anfang, die im Rhytmus von Metronomen immer schenller und schneller hin und her schlagen, steht im Kontrast zum Künstler selbst. Sie gibt im Zusammenspiel mit der Atemmaschine noch mehr Gefühl und füllt den Raum. Es geht auch um die Zeit, die immer weiter geht, auch wenn man sie zu stoppen versucht und es handelt von den Menschen, die mit der Zeit gehen und ihre Zukunft in die Hand nehmen, aber auch um die, die alles so annehmen, wei es ist, auch wenn sie unzufrieden sind. Der Rhytmus, die Bewegung und das besondere Gefühl für Zusammenhänge von anscheinend unzusammenhängenden Elementen und Geschichten treten  in den Werken des Künstlers, der selbst mit der Zeit zu gehen scheint und sie durch seine Kunst verändert, hervor.

William Kentridges Werke versetzen mich in eine Art Illusionswelt, in die ich schon mal gerne flüchte. Sie lassen mir den Freiraum für mich eigene Schlüsse zu ziehen. Sie sind ernst und traurig, aber voller Faszination und Gier nach dem Leben, nach dem Moment hier und jetzt und nach dem Genießen dieser Momente, die wir nicht immer schätzen. Die bewegten Bilder, im Falle Kentridges die bewegten photographierten Zeichnungen eröffnen Möglichkeiten für das Verstehen von eigenen Bedürfnissen und der Umwelt, aber sie erinnern auch an die Menschen, die die Welt verändern oder zerstören, indem sie zu stark an sich selbst denken und die anderen vergessen.